Interview zu Grundkompetenzen: Ernst
«Der Kursbesuch war eine grosse Befreiung»
Text: Thomas von Grünigen
Bilder: Ephraim Tännler
Ernst Bühlmann schloss die Landwirtschaftslehre ab, wurde Fahrlehrer, baute die erste Traktor-Fahrschule der Schweiz auf und konzipierte als Erwachsenenbildner Aus- und Weiterbildungslehrgänge für Chauffeure. Dennoch plagte ihn wegen seiner Lese- und Schreibschwäche stets das Gefühl, ein Mensch zweiter Klasse zu sein. Wie ihm ein Kurs für Lesen und Schreiben half, dieses Kindheitstrauma zu überwinden, erzählt er in diesem Gespräch.

Dank einem Lese- und Schreibkurs haben sich die Texte von Ernst massiv verbessert. Das hat auch seine Lebensqualität gesteigert.
Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
Bei uns unterrichtete ein Lehrer 36 Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse in einem einzigen Raum. Als Erstklässler zeichneten wir vor allem sehr viel. Im zweiten Schuljahr sollten wir dann plötzlich schreiben können, ganze Wandtafeln abschreiben. Das überforderte mich völlig. Anstatt zu unterstützen, übte der Lehrer enormen Druck aus. Die Schule kam mir zusehends wie eine Strafanstalt vor. Vom Elternhaus erhielt ich keinen Zuspruch, im Gegenteil: Der Lehrer galt wie der Herr Pfarrer als unantastbar. Und so war ich einfach «dr dumm Cheib vo dr Familie». Das prägte sich bei mir tief ein.
Sie hatten eine denkbar schlechte Ausgangslage und haben dennoch viel erreicht. Wie war das möglich?
Mit 14 Jahren hatte ich ein wichtiges Erlebnis. Ein Bauer beobachtete mich bei Reparaturarbeiten auf seinem Hof. Er erkannte mein grosses handwerkliches Talent und meine Begeisterung für die Landwirtschaft. Schliesslich überzeugte er meine Eltern, mich eine Landwirtschaftslehre machen zu lassen. Ich schloss mit einer Note von 5,6 ab – dank meines praktischen Könnens.
Das reichte, um Ihr Selbstvertrauen nachhaltig zu stärken?
Nein, ich zweifelte weiterhin an mir und meldete mich für eine Handelsschule an. Ich schloss mit lauter 5ern ab, nur in Deutsch mit einer 3. Abgesehen vom Lesen und Schreiben konnte ich also durchaus mithalten.
Mit welchen Strategien haben Sie die sprachlichen Hürden im Alltag gemeistert?
Man wird erfinderisch. Als Fahrlehrer führte ich eine Papieragenda. Das Problem: Die Schüler schauten mir direkt in die Agenda, wenn ich den nächsten Termin eintrug. Sobald jemand zusah, war ich völlig blockiert. Meine Strategie: Ich notierte nur die ersten beiden Buchstaben des Namens, dann machte ich Wellenlinien. Während der nächste Schüler fuhr und geradeaus schaute, vervollständigte ich mühsam den Namen des vorherigen Schülers. Solche Strategien wurden für mich zur Normalität.
Was hat den Ausschlag gegeben, Ende 40 noch einen Kurs für Lesen und Schreiben zu besuchen?
Die Idee war, meine Englischkenntnisse zu verbessern. Bei der Suche nach einer Lehrperson stiess ich auf einen Deutschkurs für Erwachsene. Meine Frau ermutigte mich: «Probier› das mal.»
Die Kursleiterin stellte fest, ich hätte keine echte Legasthenie, sondern eine «erworbene». Das heisst, ich hatte über die Jahrzehnte verinnerlicht, dass ich nicht lesen und schreiben kann. – Diese Einschätzung der Kursleiterin war für mich eine riesige Befreiung.
Das Schreiben fiel Ihnen auch leichter?
Ja, ich machte schnell Fortschritte. Das blieb auch meinem damaligen Vorgesetzten nicht verborgen. Er fragte mich eines Tages, wer mir neuerdings meine E-Mails korrigiere. «Niemand», antwortete ich nicht ohne Genugtuung. «Ich besuche einen Kurs.» Meine Texte waren zwar nicht fehlerfrei, aber massiv besser.
Wie hat sich Ihr Leben seit dem Kursbesuch verändert?
Ich kann mich endlich so akzeptieren, wie ich bin, statt mich als minderwertiger Mensch zu fühlen. Ich habe dadurch bedeutend mehr Lebensqualität.
Vielen Dank für Ihre Initiative und für dieses Gespräch.
Kurse und Beratung zur Verbesserung der Grundkompetenzen:
www.einfach-besser.ch
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